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Warum Franzosen kein H aussprechen können und Italiener "isch" sagen - WELT


Der Linguist François Conrad stammt aus Luxemburg, wo man drei Sprachen spricht: Französisch, Deutsch und Luxemburgisch. Vielleicht hat er deshalb ein besonders feines Sensorium für die Klangunterschiede zwischen europäischen Idiomen. Ein Gespräch über den Unterschied zwischen Pepper und Pfeffer, über Käse und Keese. Und darüber, welche Laute es fast nur im Deutschen gibt.

WELT: Warum können Franzosen kein H sprechen?

François Conrad: Das H ist ein Laut, der kompliziert zu bilden ist und den nicht alle Sprachen haben. Es bereitet nicht nur Franzosen und Französinnen Schwierigkeiten, das können ganz viele nicht. Slawische Sprecherinnen und Sprecher machen daraus ein Ch wie in ach. Kinder können zwar alle Laute erlernen. Aber der Lernprozess beschränkt sich natürlich auf die Laute, die man in der eigenen Sprache braucht. Wenn man dann einer anderen Sprache begegnet, die Laute hat, die schwer zu artikulieren sind, dann gelingt das eben nicht immer. Jede Sprache hat solche Laute, die in einer anderen Sprache vielleicht nicht vorkommen.

WELT: Warum sagen Italiener isch, wenn sie Deutsch reden?

Conrad: Weil sie keinen palatalen Reibelaut in ihrem Sprachsystem haben. Das ist der Ich-Laut. Dafür muss man den Zungenrücken gegen den Gaumen drücken. Der braucht mehr Energie, als wenn man ein Sch ausspricht. Dieser Laut ist nur in zehn Sprachen weltweit dokumentiert. Im Deutschen ist er allgegenwärtig. Sprecherinnen und Sprecher, die ihn nicht in ihrer Sprache haben, ersetzen dann diesen Ich-Laut durch den nächstgelegenen Laut. Und das ist in dem Fall eben durch sch, das ein postalveolarer Reibelaut ist.

WELT: Sogar Rheinländer haben Schwierigkeiten mit der Aussprache des Ch.

Conrad: Genau. Darüber habe ich ganz viel geforscht. Einer meiner Schwerpunkte war, wie im Luxemburgischen das Ch und das Sch zusammengefallen sind. Und das ist im ganzen mitteldeutschen Sprachraum, zu dem Luxemburg historisch auch gehört, zu finden. Auch im Rheinland, in Leipzig oder im Hessischen. Aber nicht so wie bei den Italienern, die das Ch durch Sch ersetzen, sondern beide Laute sind in einen Zwischenlaut übergegangen, weil man nur einen braucht, zumindest in den mitteldeutschen Dialekten.

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WELT: Warum muss man „gälato“ mit „ä“ statt „e“ sagen, wenn man in Italien korrekt ein Eis bestellen will?

Conrad: Weil es im Italienischen weniger Vokale gibt als im Deutschen. Es gibt nicht den gemurmelten E-Laut, den wir an dieser Stelle sprechen würden, aber dafür ein Ä.

WELT: Mit Ä und E haben ja auch Norddeutsche Probleme. Ich werde zum Beispiel von meiner süddeutschen Frau oft verspottet, weil ich Keese statt Käse sage.

Conrad: Im Norddeutschen gibt’s das lange Ä ganz selten. Nur bei ein paar Wörtern im Konjunktiv, „er nähme“. Aber sonst finden Sie im norddeutschen Raum nur das lange E. Aber Sie können Ihrer Frau sagen, ich hätte gesagt, Sie können das nur ganz schwer ändern. Sie sind da einer von vielen, vielen Millionen im norddeutschen Raum. Meine Studierenden in Hannover, die sagen alle nur E. Und ich bin dazu übergegangen, das nicht zu korrigieren. Man soll sich eher über die Diversität freuen.

WELT: In der deutschen Standardaussprache existiert kein rollendes R, obwohl es in älteren germanischen Dialekten vorhanden war. Woran liegt das?

Conrad: Es gibt verschiedene Theorien. Die am häufigsten genannte ist, dass dieser Lautwandel aus dem Französischen stammt. Da ist das schon früher verschwunden. Früher wurde im Französischen das R auch gerollt. Das hat sich dann dort zum Frikativ gewandelt – zum uvularen R. Und es fing wohl im 17. oder 18. Jahrhundert an, nach Deutschland rüberzuschwappen. Dann hat es sich als neue Standardaussprache festgesetzt. Heute ist das rollende R nur noch in Dialekten vorhanden und rückgängig. Wenn im norddeutschen Raum eine junge Person das R rollt, ist es fast immer erklärbar dadurch, dass die Person mal im Süden gewohnt hat.

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Operation an der deutschen Sprache

WELT: Wieso kann ein Deutscher Franzosen, wenn sie Französisch sprechen, oft nicht gut verstehen, obwohl er alle Vokabeln kennt? Es kommt einem wie Nuscheln vor.

Conrad: Das hat damit zu tun, dass im Französischen die Wörter gebunden gesprochen werden, wie in vielen anderen Sprachen weltweit auch. Sie verfließen beim Sprechen ineinander. Die Wortgrenzen sind nicht mehr klar zu hören. Anders als im Deutschen, das durch den Knacklaut klare Wortgrenzen hat. Im Deutschen werden die Wörter „abgehackt“, im Französischen werden sie gebunden.

WELT: Viele Deutsche haben erst im Rahmen der Genderdebatte erfahren, dass wir Knacklaute in der Sprache haben. Der Knacklaut soll neuerdings auch das Gendersternchen hörbar machen. Was hat es mit diesem Laut auf sich?

Conrad: Der Knacklaut ist ein Laut, den wir kaum hören. Wir müssen uns da sehr, sehr konzentrieren, auch wissen, dass es ihn überhaupt gibt. Den benutzen wir aber alle. Wörter im Deutschen, die mit Vokal anlauten, haben davor so einen kleinen Knacklaut. Der Knacklaut ertönt, wenn sich die Stimmbänder einmal öffnen und schließen. Das klingt so ein bisschen, wie wenn man auf eine Computermaus drückt. So ein ähnliches Geräusch. Der Knacklaut ist wie so eine natürliche Grenze links vom Wort. Der sorgt dafür, dass die Wörter schön eins nach dem anderen gesprochen werden. Der blockiert sozusagen die gebundene Sprechweise wie im Französischen.

Französisch schnurrt, Deutsch bellt

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WELT: Deswegen bellt das Deutsche, und das Französische schnurrt – wie es in Ihrem Buchtitel heißt?

Conrad: Genau das ist ein Grund. Der schnurrende Eindruck entsteht einerseits durch das Gebundene. Dazu kommt andererseits, dass es im Französischen viele Nasale gibt – on, bon, camembert. Das bewirkt diesen schnurrenden, knurrenden Effekt. Und die Nasale gibt’s im Deutschen ja überhaupt nicht.

WELT: Wir sagen Balkong ...

Conrad: Genau. Korrekt sprechen es nur die aus, die zeigen wollen, dass sie Französisch besonders gut beherrschen. Ich habe sogar einmal absichtlich in der Kantine bei der Bestellung Kammenbert gesagt und nicht Camembert mit Nasal, damit die beiden Thekenkräfte mich auch verstehen und ich nicht das falsche Brötchen bekomme.

WELT: Sie erklären in Ihrem Buch unter anderem den entscheidenden Unterschied zwischen dem Hochdeutschen und den übrigen germanischen Sprachen.

Conrad: Da geht es um die zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung. Durch diesen Lautwandel, der im 4. bis 8. Jahrhundert nach Christus stattfand, veränderten sich die stimmlosen Plosive, also P, T und K. Aus dem P wurde beispielsweise ein Pf oder ein F. Also Pepper wurde zu Pfeffer. So entstand das Hochdeutsche. Im Niederdeutschen im norddeutschen Raum, das heute nur noch wenig gesprochen wird, sagt man auch immer noch Pannekoken statt Pfannkuchen.

WELT: Wie kam dieser Lautwandel zustande?

Conrad: P, T und K werden behaucht, auch heute noch. Man sagt nicht wirklich Peter, sondern Pheter – also P mit einem kleinen H. Und akustisch ist das H sehr nah am F. Die Theorie lautet, die Laute wurden immer mehr behaucht, und irgendwann wurde das reinterpretiert – man hat kein Ph mehr gehört, man hat Pf gehört. Genauso beim T: Wenn man das stark behaucht ausspricht, dann klingt das fast schon wie ein Z und wie zu. Aufgrund dieser akustischen Nähe hat sich das wohl in diese Richtung weiterentwickelt.

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So klein sind die nötigen Veränderungen

WELT: Warum fällt Deutschen das englische th so schwer?

Conrad: Auch das ist ein schwer zu produzierender Laut. Es ist ein dentaler Laut, das heißt, die Zunge muss an die Zähne und dann noch ein Friktionsgeräusch erzeugt werden. Das ist ein Laut, den es im Deutschen nicht gibt und der dann ersetzt wird durch ein F, ein D oder ein T, je nachdem, um welches Wort es sich handelt.

WELT: Sie beschreiben in Ihrem Buch eine Szene, in der eine Engländerin einen Deutschen nur an der Aussprache des Wortes „dog“ erkennt.

Conrad: Da geht es um die Auslautverhärtung, also die Verhärtung von Lauten am Ende von Wörtern oder am Ende von Silben. Im Englischen sagt man dog, man schreibt es mit „g“, und man spricht auch ein G. Im Deutschen kann man keine Silbe oder kein Wort mit einem G im Auslaut sprechen. Man spricht am Ende von Wörtern nicht stimmhafte Konsonanten wie G, D oder B, sondern ihre stimmlosen Äquivalente K, T oder P. Wir sprechen auch von der Band mit einem T, obwohl eigentlich ein D ist usw. Diese Regel spielt eine große Rolle dabei, dass das Deutsche so hart wahrgenommen wird. Stimmlose Laute gerade am Ende von Wörtern klingen härter als weiche Laute.

WELT: Gibt es noch weitere Gründe für die Wahrnehmung des Deutschen als „hart“‘?

Conrad: Zusätzlich zur Worttrennung durch den Knacklaut und die Auslautverhärtung kommt noch dazu, dass es viele Frikative, also Reibelaute gibt. Und ein ganz wichtiger Grund sind Konsonantenhäufungen. Man spricht von Konsonantenclustern. Da ist das Deutsche die komplexeste Sprache, die ich kenne. Ein Wort wie „Strumpf“, was für uns ziemlich leicht auszusprechen ist, ist superkomplex für Leute, die keine Muttersprachler sind. In „Strumpf“ haben wir sechs Konsonanten, drei vor dem Vokal und drei nach dem Vokal. Das ist im weltweiten Vergleich unfassbar viel, und es geht ja noch viel komplizierter.

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WELT: Ein Beispiel?

Conrad: „Du pfropfst“, mein Lieblingswort im Deutschen. „Pfropfst“ – das hat so viele Konsonanten, das kann kaum ein Mensch aussprechen, der nicht Deutsch als Muttersprache hat.

WELT: Warum bemühen sich Deutsche, Fremdwörter so auszusprechen wie in der Gebersprache, während die Franzosen alles ihrer französischen Aussprache unterwerfen?

Conrad: Bei aller Härte kennt das Deutsche zugleich einen Fremdwortakzent, das heißt, die Fremdwörter werden mehr oder weniger wie im Original ausgesprochen. Jedenfalls, wenn sie nicht schon ganz lange in der Sprache sind und sich in der Lautung dem Deutschen angepasst haben.

WELT: Bei den Franzosen ist das anders?

Conrad: Ja. Dieser deutsche „Respekt“ vor fremdsprachlichen Elementen existiert in anderen Sprachen nicht. Im Französischen wird alles der französischen Lautung untergeordnet. Das heißt, auch eine Angela Merkel wird als Ongelá Merköll ausgesprochen. Mein Vater war großer Formel-1-Fan, und wenn ich das als Kind mit ihm auf Französisch geschaut habe, wurde wirklich knallhart von Mickael Schu-mack-ärr gesprochen, wenn es um Michael Schumacher ging. Es ist eine andere Philosophie, an Fremdwörter heranzutreten. Im Französischen und in vielen anderen Sprachen werden die ganz schnell assimiliert. Manchmal weiß man dadurch nicht wirklich, was gemeint ist. Vorletztes Jahr hat eine Bekannte vor mir gesagt, sie fährt nach Berlin, weil 100 Jahre Bo-os gefeiert wird. Da musste ich lange knobeln. Gemeint war Bauhaus.

Von François Conrad ist im Duden-Verlag das populärwissenschaftliche Buch „Warum Deutsch bellt und Französisch schnurrt: Eine klangvolle Reise durch die Sprachen Europas“* (144 Seiten, 12 Euro) erschienen.

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Dieser Artikel wurde erstmals im Juli 2021 veröffentlicht.

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Author: Keith Kelly

Last Updated: 1703185803

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